Roter Faden

Es gibt einen roten Faden in jedem Leben. Für den einen ist es Musik, Sport, oder ihre Hilfsbereitschaft. Schach spielen. Oder Alkohol trinken. Lecker Kochen. Da gibt es noch die inneren Dinge die das Leben mitsteuern.

Bei mir ist der rote Faden mein Sein oder Nicht Sein Thema. Oder warum hier sein. Oder ohne um den Brei herumzureden. Suizidgedanken, Suizidgefühle, Suizidphantasien, Suizidversuche, überlebte Suizidversuche. Woher kommt das? Wie kann so ein ausbunt von Fröhlichkeit wie ich einerseits, andererseits so eine dunkle Seite haben? Wird man damit geboren? Kann man das loswerden? Überwinden, auskurieren, überleben.

Mir wurde als Kind öfters gesagt das ich so ein Sonnenscheinchen bin, man erfreute sich meiner Fröhlichkeit. Ich kann mich selbst erinnern, das ich einen Hang zu traurigen Geschichten hatte. Da war das Mädchen mit den Schwefelhölzchen, wie weinte ich um das verlorene Mädchen das keiner liebte, und herumirrte im kalten Winter und sich nur durch Illusionen am Leben hielt. Bis die Sehnsucht nach der Großmutter im Himmel immer größer wurde, die Kälte immer beißender und sie erlöste wurde von der schlimmen Erfahrung auf der Erde und der Einsamkeit.

Eine andere Geschichte handelte von einem Mädchen ähnlich wie Heidi die zu einer Familie in eine andere Stadt kommt und Heimweh hat. Dem Mädchen dem sie Gesellschaft leisten soll, ist schwer krank und sehnt sich nach dem Himmel. Und schließlich stirbt sie. Diese Heimweh und Himmel-Todessehnsucht fand so einen starken Anklang in mir. Heimweh hatte ich nach dem Ort wo wir weggezogen waren im Salzburger Land, nachdem sich meine Eltern scheiden ließen. Woher diese Sehnsucht nach Erlösung kam weiss ich aber nicht. Ich muss mich inmitten meiner geliebten Schwestern doch alleine gefühlt haben.

Der Kampf zwischen meinen Eltern der überhaupt nicht aufhörte mit der Scheidung sondern ein lebenslanges Schachspiel war, wo wir Kinder die Figuren waren, war sehr belastend und hat an uns sehr gezerrt. Meine Mutter ertrug es nicht das wir unseren Vater noch liebten und besuchten, auch wenn das nur selten möglich war durch die Entfernung. Sie warf mir sowieso vor, das sie mich eigentlich nie bekommen wollte, ich bin ja die dritte das Nesthäckchen und nur mein Vater wollte mich. Und sie bei meiner Geburt angeblich fast gestorben wäre. Das kaute sie mir regelmäßig vor. Voll das Schuldgefühl meiner Existenz entfachend.

Um den Kampf gegen meinen Vater zu gewinnen, sagte sie einige Jahre, dann zieht doch zu ihm. Aber wir teils nicht ungeneigt, hätten ein schlechtes Gewissen gehabt meine Mutter im Stich zu lassen. Später dann steigerte sie das, zu ich melde dich in einem Heim an, nur zu mir. Und dann ganz unüblich, weil sonst nicht vorkommend, ist sie als ich von meiner Tante eingeladen wurde erstmalig für eine Urlaubsreise und auch im Streit um meinen Vater nochmals bekräftigt hatte, das ich ihn auch gerne habe, da ist sie komplett ausgerastet.

Es war das einzige Mal das sie mich mißhandelt hat, sie schlug so lange zu während sie auf mir saß, das ich die ja Asthmaanfällig war, das Gefühl hatte keine Luft zu bekommen. Irgendwie konnte ich mich dann befreien und rannte zum Fenster, und sagte den folgenschweren Satz, ich spring runter wenn du nicht von mir abläßt. Es war nur im 1.Halbstock, aber es wirkte, sie ließ ab von mir und für mich war meine Mutter in dem Moment für lange Zeit gestorben. Ich versuchte dann vergeblich mich in einem Heim anzumelden, dort wurde sie wohl hinbestellt, denn sie rührte mich körperlich nie wieder an. Ich konnte noch Jahre bis heute wenn mich jemand fester umarmt, fast keine Luft bekommen.

Die nächsten Jahre bis zu meinem heimlichen Auszug, waren noch einige Psychospiele, wo ich sehr lange gebraucht habe um zu sehen wie destruktiv sich das auf mein Leben und meine Psyche auswirkte.

Einmal ging ich auch abends zum Haus zu meiner älteren Schwester die bereits ausgezogen war, und weil sie nicht da war, wartete ich draussen. Nun war aber Winter und es schneite und war eisigkalt. Aber ich war damals so müde das ich einfach sitzen blieb und mir alles egal war. Zum Glück kamen nach ein paar Stunden Nachbarn nachhause, die erschrocken waren und mich drinnen warten ließen.

Dann Weggelaufen.Schauspiellernzeit. Hungern. Dünn wie ein Strich. Umziehen. Zu wenig verdient. Zeitweise obdachlos nur bei Schwestern übernachtend. Soviel war zusammengekommen. Am Ende vom Jahr hatte ich Premiere, spielte und dann ein kleiner Streit mit Schwestern den nächsten Tag und ich stürzte ohne es zu planen aus dem Fenster. Völlig entfremdet mir selbst zuschauend wie in einem Film.

Ich habe schwerst verletzt überlebt. Wirbelsäulenbruch.Lähmungserscheinungen. Intensivstation. Psychiatrie. Aber keine Hilfe nur sicherheitshalber eingesperrt obwohl ich nicht laufen konnte. Von diesem Ereignis an, wußte ich ich kann mich ganz real gegen das Leben entscheiden aber auch dafür. Und die nächsten Jahre war da oft ein inneres Ringen.

Wenn man sich aber im Gegensatz bewusst für sein Leben entscheidet immer wieder, bringt das auch eine ganz starke Lebensenergie nach oben. Ich hatte immer wieder Phasen von soviel Lebenslust und Freude, und dann oft plötzlich abstürze nach unten in depressive Phasen. In Suizidgedanken. Jedesmal schämte ich mich lange dafür, oder fühlte mich schuldig das ich wieder in dieses Gefühl hineinfiel. Das ich es nicht hinter mir lassen konnte. Das ich nicht fähig war einfach nur zu leben, sondern mich immer wieder in Frage stellen zu müssen.

Eine Mischung aus Vertrautheit mit diesen Gefühlen, Ablehnung, Sicherheit weil Jahrzehnte ins Land gingen ohne einen konkreten Versuch. Und dann überkam es mich in Berlin doch. Der tode Punkt. Und ich begann mit einem Versuch, konnte und wollte nicht mehr. Viele Schicksalschläge waren passiert. Zuviel kämpfen, für andere dasein wie meinen Neffen, so dermassen erschöpft vom Leben und seinen Anforderungen. Und mittendrin überkam mich wieder das Leben.

Und Umzüge in andere Länder, ganz schnelles Karusell und viel passiert und dann in eine Psychose gefallen. Und erneut ein anfänglicher Versuch mir das Leben zu nehmen. (P…wie Psychose beschrieben).

Und wieder nach oben gekämpft. Und mein vorläufiges Gelübde abgelegt und mich so glücklich gefühlt. Und dann rumms, Stress von aussen massiv und ja was dachte ich? das ich das losbekommen könnte, auskuriert wäre, beschützt durch mein Gelübde? wieder zarte dunkle Gedanken. Und die Erkenntnis, da ist etwas das ich beim besten Willen nicht losbekomme. Das mich immer wieder einholt,selbst nach Jahrzehnten Ruhe oder nur Gedanken.

Das scheint ein Ort zu sein für mich aufgeladen mit der Verlockung da ist Ruhe, da ist Liebe, da bin ich ganz bei Gott, da brauch ich niemanden mehr etwas beweisen, da bin ich zuhause. Da kann mich keiner mehr verletzen. Stille.

Und doch Hilferufe an da draussen….wenn ich es denn wenn es akut ist, aussprechen würde. Das ist etwas was ich erst lernen muss. Abschied nehmen von der Vorstellung das ich ganz davon geheilt werden könnte, das es nie mehr passiert, das ich mich im Griff habe, meine Emotionen, meine Achterbahn der Gefühle. Das ich aufhöre mich zu verurteilen dafür, mich auch noch wie ein Versager zu fühlen, das ich wieder das unaussprechliche gedacht habe. Abgewägt habe. Denn es ist schon ein Schritt es „nur“ zu denken, oder zu fühlen, aber es nicht zu tun. Denn solange kann ich mir Hilfe holen. Wenn ich es kann. In der Verarbeitung meiner Psychose habe ich Hilfsstrategien entwickelt, oder einfach To do Listen was ich tun kann wenn ich merke es geht abwärts. Und das ich den Gedanken geübt habe das ich mich abgeben darf, in die Klinik, Psychiatrie, das ich wenn ich mir selbst nicht mehr traue, oder es mir schlecht geht, ich Hilfe annehmen darf. ich hoffe, das sich das einprägt.

Ich bin nicht alleine. Ich muss nicht alles alleine bewältigen. Ich darf mir Helfen lassen und kann Hilfe bekommen. Ich muss mich nicht dafür schämen oder schuldig fühlen. Ich darf loslassen aber anders als zuvor.

Ich darf leben. Ich bin willkommen. Es gibt Menschen die sich freuen das es mich gibt, und die traurig wären, wenn ich nicht mehr bin. Ich hoffe das ich dieses Wissen in guten wie in schlechten Tagen fühlen kann.

Ich bin. Bernadette. Danke Leben das du mich begleitest. Danke das ich sein darf. Danke, das ich dir begegnen darf. Schön dazusein.

Hallo Leben.


2 Kommentare zu „Roter Faden

  1. Ich habe ja auch einen Suizidvesuch hinter mir und jahrelangen Suiziddruck. Ehrlich gesagt, bei mir wurde es nur durch die Medikamente besser. Du nimmst sie ja extrem niedrig dosiert, wenn ich mich richtig erinnere. Vielleicht wäre eine leichte Erhöhung doch hilfreich? es ist erleichternd, wenn das weg geht.

    Liken

    1. Es freut mich zu hören das es bei Dir besser wurde. Ich bin seit einer Weile auch stabil. Das mit den Medikamenten passt derzeit für mich, muss man eh individuell anpassen je nach Situation. Wichtig war für mich das in der Theraphie zu „bearbeiten“ und einen Notfallplan zu erstellen. Das wichtigste das ich übe es anzusprechen, wenn es mir auch einfach nur schlechter geht, sodass ich wenn es ganz nach unten geht, Hilfe holen kann. Lg, Bernadette

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